Die Prozessdynamik von Ankertreffen im Detail

Jens Stangenberg • 24 November 2020

Die Prozessdynamik von Ankertreffen im Detail

Die leitende Frage lautet: Was baut in uns den "neuen Menschen" auf?

Die Antwort ist verblüffend einfach: Es braucht das "Versammeln in Jesu Namen", das Zeugnis der Heiligen Schrift und die Offenheit für das Reden des Geistes.
Vordergründung sieht es aus wie: Austausch, Bibel und Gebet. Deswegen mag es auf den ersten Blick für manchen eher langweilig erscheinen. 

Tatsächlich verbirgt sich jedoch in der Prozessdynamik von Ankerzellen eine kompakt-geistliche Hör-Erfahrung. In einem gelingenden Treffen erleben die Teilnehmenden eine Auffrischung ihres Glaubenslebens und bekommen neue Energie für ihre alltäglichen Herausforderungen.


Was ist bei einem Ankertreffen zu beachten?

1) Wichtig ist die Fließdynamik
Geübte Ankerzellen sind vertraut mit dem Prozessablauf (siehe: Grafik weiter unten und im Anhang). Auf dieser Grundlage muss der jeweilige Host die Teilnehmenden nur wenig zur Beteiligung auffordern oder im Gespräch "steuern". Idealerweise wird ein Treffen durch den Prozess selbst, also den Ablauf der einzelnen Phasen "geleitet".

Im Bild gesprochen: Stell dir eine Lichtung im Wald oder eine grüne Wiese im Park vor. Man trifft sich dort zu einer verabredeten Zeit, um gemeinsam eine "geistliche Bewegungs- und Fokussierungsübung" zu durchlaufen. Ganz ähnlich ist ein Ankertreffen eine Art von gemeinsamer Mobilisierungs-Übung für den inneren Menschen. Man sitzt nicht passiv "im Kreis", sondern bewegt sich mit seinem Bewusstsein durch verschiedene innere Haltungen. Der Host achtet dabei darauf, dass die einzelnen Phasen des Ablaufes geschmeidig ineinander übergehen. Eine zwanghaft-formale Atmosphäre sollte möglichst vermieden werden.

2) Jede:r bleibt für sich verantwortlich
Ein Ankertreffen ist zwar ein Zusammentreffen, aber nicht wirklich eine "Gruppe" oder ein "Team" im üblichen Sinne. Das "Wir" ist keine "geschlossene Gesamtheit", sondern besteht aus gemeinsam agierenden Einzelpersonen. Ein Treffen ist deswegen immer "vollzählig", selbst wenn jemand fehlt. Natürlich ist es schade, sofern eine Person kurzfristig absagen muss. Es entsteht aber kein Minus-Gefühl. Jede jeweilige Zusammensetzung ist geeignet, um sich im Phasendurchlauf gegenseitig zu inspirieren.

Wenn dies verstanden wird, entstehen innerhalb der Gruppe keine seelischen Abhängigkeiten. Jede:r bleibt "in seinem/ihren Leben" und ist im Phasendurchlauf für sich selbst verantwortlich. Im Bild: Niemand macht stellvertretend für andere die Bewegungs-Übungen. Wer bei der Ankerzelle dabei sein möchte, entscheidet damit, sich auf die Prozessdynamik einzulassen und zusammen mit den anderen "für sich" auf den Bibeltext zu horchen.

3) Das oberste Ziel: Christus als Energiezentrum erspüren
Viele Christ:innen suchen nach etwas Außergewöhnlichem, um Gottes Präsenz zu spüren. Im Gegensatz dazu betonen Ankerzellen das ganz Einfache: Gott ist dir immer ganz nah. Christus ist "mitten unter" uns, selbst im digitalen Raum. Der Auferstandene ist an deiner Seite dort, wo du gerade lebst und wo du arbeitest.

Ein Ankertreffen eröffnet letztendlich nur einen solchen Hör- und Resonanz-Raum, um immer neu diese inspirierende Erfahrung zu machen. Die einzelnen Phasen helfen dabei, sich als Glaubensgeschwister wahrzunehmen, sich auf "Christus in mir und unter uns" zu fokussieren, auf das Hintergrundleuchten von Bibeltexten zu achten, geistliche Wahrheiten auszusprechen und einander für den Tag zu segnen. Ein geglücktes Ankertreffen erkennst du daran, dass du mit mehr Energie und Inspiration herauskommst, als du hineingegangen bist.

Dabei ist noch einmal wichtig zu betonen: Die empfangene Energie kommt nicht von anderen Teilnehmenden, sondern aus der Verbindung zum Auferstandenen. Das bedeutet: Teilnehmende "saugen" nicht Energie von anderen Menschen ab, sondern wenden sich innerlich Christus zu. Er ist die unerschöpfliche Quelle.

 

Der 12 Phasen eines Ankertreffens

Verstehe die nachfolgenden Ausführungen nicht als ein starres Schema. Idealerweise gehen die einzelnen Phasen fließend ineinander über, so dass zwischen ihnen kein Bruch empfunden wird.

 

Prozessdynamik von Ankerzellen

(Für eine größere Ansicht, öffne das Bild mit einem Rechtsklick oder lade dir die PDF-Datei aus dem Anhang herunter.)

 

Abschnitt 1: Wahrnehmen und Fokussieren

Phase 1: Eintrudeln
Ganz zu Anfang loggen sich die Ankernden in das Zoom-Meeting ein. Am allerbesten ist es, wenn sich jede:r erst kurz vorher (zwei bis drei Minuten vor dem Start) einwählt. Dafür ist es gut, seinen Computer, sein Tablet oder Smartphone bereits fünf Minuten vorher startklar zu machen. Sobald eine dritte Person zum Zoom-Meeting dazu kommt, wird automatisch der 40min-Zähler aktiviert.
Bei der Formierung einer neuen Gruppe kann es sein, dass am Anfang einzelne Teilnehmende technische Probleme haben. Das ist nicht schlimm. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, die ersten zwei bis drei Treffen mit einem Zoom-Account ohne Zeitbegrenzung durchzuführen. Sobald alle Ankernden geübt sind, kann man in das kostenlose 40min-Format wechseln.

Der Sinn dieser Phase: Durch die 40min-Begrenzung bemühen sich alle, pünktlich zu sein. Auf diese Weise startet das Treffen von Anfang an mit hoher Konzentration.

Phase 2: Check-in
Sobald alle da sind, gibt es eine kurze Runde zur aktuellen Verfassung und dem, was gerade "oben auf" liegt. Es ist kein langer Austausch, sondern nur ein Stimmungs-Blitzlicht. Die Leitfrage lautet: "Wie bist du gerade hier?" Das hilft sowohl zur Selbstvergewisserung als auch zur Wahrnehmung der anderen. Der Check-in dauert je nach Gruppengröße ca. 8-10 Minuten.

Der Sinn dieser Phase: Die Startrunde ist gewissermaßen eine Konstituierung des "Wir". Am Bildschirm siehst du deine aktuellen geistlichen Gefährt:innen für die nächste halbe Stunde.

Phase 3: Innere Sammlung
Bevor der Text eingeblendet wird, bittet der Host die Ankernden, die Augen zu schließen und sich zu sammeln. Stilles und tiefes Atmen kann dazu hilfreich sein. Vergangenes ist vergangen und Zukünftiges noch nicht geschehen. Sei dir bewusst: Du bist mit deinem Körper ein Wohnraum des Geistes, genau dort, wo du dich gerade befindest.

Schließe diese Phase mit Gebet ab. Lade Jesus Christus ein, sein Wort wie eine Schatztruhe oder wie ein Brunnen zu öffnen, so dass jeder Teilnehmende darin etwas Wertvolles findet, was ihn/sie innerlich inspiriert, ernährt und erfrischt.

Der Sinn dieser Phase: Sich fokussieren und Christus, den Auferstandenen, einladen. Du kannst Gottes Reden zu dir nur hören, wenn du zur Ruhe kommst und in dir anwesend und zuhause bist.


Abschnitt 2: Ausloten und eintauchen

Phase 4: Den Text laut lesen
Der Host bereitet einen Bibelabschnitt von ca. 15-25 Versen vor. Die Teilnehmenden lesen den Text abschnittweise laut vor. Durch das Hören der eigenen Stimme und der Stimme der anderen verwandelt sich der Textabschnitt zu einem biblischen Resonanzraum. Häufig geschieht schon allein durch den Tonfall und die Betonung der anderen eine interessante Verfremdung oder Neuentdeckung einzelner Textteile.
Tipp: Nach dem lauten Lesen des Textes kann es gut, sein, wenn die Teilnehmenden für Phase 5 und 6 ihre Mikros abschalten, um durch Hintergrundgeräusche nicht abgelenkt zu werden.

Der Sinn dieser Phase: Der Text wird als "Zeugnis der Schrift" laut aus- und zugesprochen. Glaube gedeiht in der gegenseitigen Kündung von Gottes Wort.

Phase 5: Den Geist einladen
Wenn noch nicht in Phase 3 geschehen, ermutigt der Host nun jeden einzelnen noch einmal dazu, bewusst den Geist Gottes einzuladen, um zu einem zu reden. Die Ankernden öffnen sich innerlich, nehmen im Stillen mit Christus Kontakt auf und bitten ihn, jetzt durch sein Wort zu sprechen. Wichtig ist, dass sich die Teilnehmenden nach geistlichen Impulsen ausstrecken und nicht nach "menschlichen Weisheiten" Ausschau halten.

Der Sinn dieser Phase: Die Ankernden hinleiten, eine empfangsbereite Haltung einzunehmen und in ein inneres Gespräch mit Jesus Christus einzutreten. Im Bild: Es geht um ein Öffnen der Herzens-Hände.

Phase 6: Resonanz erspüren
Bibeltexte können auf unterschiedliche Weise gelesen werden. Ein Lesen "mit dem Kopf" achtet besonders auf schwierige Stellen und auf das, was Fragen aufwirft. Ein Lesen "für andere" scannt den Text dahingehend durch, was nützlich für später sein könnte. Beim Ankertreffen geht es jedoch darum, "mit dem Herzen" zu lesen. Die Leitfrage lautet: An welcher Stelle leuchtet der Text für mich in meiner aktuellen Verfassung auf? Wo spüre ich eine aufbauende Resonanz?

Der Sinn dieser Phase: Mit einer empfangsbereiten Haltung wird der Text-Raum nach dem erkundet, was "für mich" wertvoll ist. Jede:r entdeckt etwas anderes. Es gibt nicht richtig und falsch.
 

Abschnitt 3: Horchen und aufleuchten lassen
Der dritte Abschnitt ist nicht wirklich ein Schritt, der sich in die Reihenfolge der anderen einordnen lässt. Irgendwo ab Phase 3 beginnt der Geist Gottes einzelne zu berühren. Häufig so unscheinbar und sanft, dass diese es zunächst gar nicht bemerken. Während wir uns gemeinsam "in Jesu Namen versammeln", innerlich fokussieren, um das Reden des Geistes bitten, aufmerksam auf den Text als apostolisches Zeugnis hören und uns einander unser Berührt-worden-sein mitteilen, geschieht das Wunder: Das geschriebene Wort wird zu "Brot für unseren inneren Menschen". Gottes Geist beginnt zu einzelnen in der ihnen je unterschiedlichen "Sprache" zu reden. Mal durch direkte Formulierungen im Text, mal durch eine Atmosphäre oder durch eine stille innere Berührung. Das Angesicht Gottes wendet sich uns zu und wir erleben uns als angesehen. Das meint: Christus mitten unter uns.


Abschnitt 4: Verinnerlichen und ausweiten

Phase 7: Mit-Teilen
Nach dem stillen Horchen teilen sich die Ankernden mit, an welcher Stelle sie vom Text berührt wurden. Sie nennen dabei kurz den Vers, damit die anderen verfolgen können, worauf sie sich beziehen. Es kann ein einzelnes Wort, eine Formulierung, ein Vers oder die gesamte Atmosphäre eines Abschnitts ein. Spannend ist, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen sind. Je nach biografischen Hintergrund und aktueller Stimmungslage leuchten völlig unterschiedliche Entdeckungen auf. Das Mit-Teilen des "Wortes als Brot" ist gewissermaßen wie ein "geistliches Abendmahl".

Der Sinn dieser Phase: Im Aussprechen und Zuhören gestaltet sich eine Art biografisch-spirituelles Kaleidoskop, ein geheimnisvoll aufbauendes Christus-Energiefeld. Gottes Reden leuchtet durch unsere Prägung hindurch und ermutigt andere auf dem Weg der Christus-Nachfolge. 

Phase 8: Beten entlang des Textes
Nimm das, was dir am Text wertvoll wurde und was du als Impuls Gottes wahrgenommen hast, hinein in dein Gebet. Indem du den lebendigen Gott ansprichst und ihm dankst, verankerst du gleichzeitig diese Wahrheiten in deinem Herzen. Gut ist es, nicht nur in Gedanken, sondern laut zu beten. Du wirst merken: Durch dieses "Bekennen mit dem Mund" wird sowohl dein eigener als auch der Glaube der anderen gestärkt.

Der Sinn dieser Phase: Nimm im Gebet die dir aus dem Text geschenkte Wahrheit an und danke Jesus, dem Auferstandenen, dafür. 

Phase 9: Anliegen aufgreifen
Möglicherweise haben sich aus dem Verlauf des Treffens Gebetsanliegen ergeben. Jetzt ist der Ort für Fürbitte. Auch weitere Anliegen können genannt werden. Trau dich, für andere zu beten. Darüber hinaus könnte es sein, dass dir andere Menschen einfallen, die Jesus noch nicht kennen oder deren einstiger Glaube nahezu erloschen ist. Lade sie gerne zu ankerzellen.de ein.

Der Sinn dieser Phase: Sich aufmerksam an das erinnern, was anderen wichtig ist, und bei Bedarf dafür beten. Auf diese Weise weitet sich der eigene Horizont.

 

Abschnitt 5: Segnen und gesandt sein

Phase 10: Einander segnen
Nun fordert der Host die Anwesenden dazu auf, die Augen für einen weiteren Moment geschlossen zu halten und sich auswendig daran zu erinnern, wer noch in diesem Ankertreffen dabei ist. Im Stillen segnen die Ankernden namentlich die jeweils anderen. Im Anschluss kann jede:r für sich überprüfen, wen er/sie bei dieser Erinnerungsübung übersehen hat und diese Person dann besonders segnen ;)

Der Sinn dieser Phase: Sich darin üben, die Namen der anderen zu lernen und sie aktiv im Gedächtnis zu behalten. Dadurch begleiten dich diese Personen unsichtbar durch den Tag.

Phase 11: Schluss-Segen
Die gemeinsame Gebetszeit schließt mit einem gemeinsamen Segen. Es ist gut, sich einen geeigneten Bibelvers gemeinsam laut am Bildschirm zuzusprechen. Dafür kann ein Text sichtbar vorbereitet oder auswendig gelernt werden. Wenn sich alle trauen, dabei mitzumachen, entsteht durch die verzögernde Internetverbindung eine Art Echo-Hall-Effekt. Mit ein bisschen Fantasie fühlt man sich wie in einer riesigen Kathedrale.

Der Sinn dieser Phase: Mit gegenseitigem Segen auseinandergehen und darin gewiss sein, dass Gottes Geist in uns und mit uns ist.

Phase 12: Und Tschüss
In den letzten Minuten am Bildschirm können noch kurze Absprachen für die kommende Woche getroffen werden. Für weitere Infos kann der Kommentar-Stream der jeweiligen Ankerzelle verwendet werden. Gut ist, wenn der Host nach dem Treffen den verwendeten Bibeltext ebenfalls dort postet. So können sich alle daran erinnern und es entsteht eine kleine Lese-Chronologie.

Der Sinn dieser Phase: Eine bewusste Verabschiedung bis zum nächsten Treffen.


Fünffache Form der Mitbeteiligung

Das Anker-Format lädt alle Teilnehmenden ein, sich an mindestens fünf Stellen mitzubeteiligen. Auf diese Weise kann sich - selbst in einer so kurzen Zeit wie 35 min - eine hohe Dynamik entwickeln:

  • Check-In
  • Lautes Bibel-Lesen
  • Entdeckungen am Text mit-teilen
  • Gebet entlang des Textes
  • Gegenseitiger Segen

Dabei ist wichtig: Keine:r muss sich beteiligen. Es kann durchaus sein, dass jemand sich an der einen oder anderen Stelle zurückhalten möchte. Allerdings wird es spannender, wenn möglichst alle sich auf den Prozessablauf einlassen. Auch man selbst erlebt dadurch die gemeinsame Zeit intensiver. Deswegen ist es gut, wenn der Host stillere Personen freundlich zur Beteiligung ermutigt, ohne sie zu drängen, falls sie nicht möchten.

Letztendlich geht es um Folgendes: Jede teilnehmende Person soll das Glück erleben, dass Christus durch sein Wort auf frische Weise zu ihr spricht und der Geist Gottes immer in und um uns präsent ist.

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