Der biblische Kanon als Resonanzraum des Geistes

Jens Stangenberg • 27 Januar 2021

Stell dir vor, du sitzt still in einer alten Kirche. Vorne der Altarraum. Er ist eingerahmt von wunderschönen Ornamentfenstern. Durch die vielfarbigen Glassplitter leuchtet das Licht "von draußen" wie aus einer anderen Welt herein. Geheimnisvoll.

Auf einmal beginnen sich die Glasornamente langsam und majestätisch zu bewegen. Immer neue Lichtbrechungen durchfluten den Raum mit einer überwältigenden Farbenpracht. Du wirst Zeuge eines göttlichen Kaleidoskops inmitten von Zeit und Raum. Aus Scherben wird Schönheit. Zerbrochenes wandelt sich zu einem bewegten Kunstwerk - immer neu, immer anders.

Dieses Bild habe ich vor Augen, wenn ich an das Wundersame von Ankerzellen denke. Unsere konfessionellen Prägungen und biografischen Hintergründe sind wie Glas-Elemente mit unterschiedlichen Färbungen. Zusammen stehen sie für die ökumenische Vielfalt im weiten Strom der Christenheit - aber nicht in einer statisch-dogmatischen Weise, sondern frisch und lebendig. Denn durch das gemeinsame Hören auf den Text und durch das Erspüren von Resonanz leuchten unterschiedliche Perspektiven in einem Wechselspiel auf - je nach Tageszeit und persönlicher Verfassung immer neu, immer anders. So wird der biblische Text zu einem dynamischen Resonanzraum des Geistes.

Welche Geschichte hast du mit "Bibellesen"?
Wie bist du geprägt? Liest du noch regelmäßig (täglich oder wöchentlich?) in der Bibel? Wenn nicht, bist du damit nicht allein. Laut Umfragen beschäftigen sich Jahr für Jahr immer weniger Christ:innen aus eigenem Antrieb mit den biblischen Texten. Das hat viele Gründe: Die Bibel gilt im Ganzen als zu kompliziert, als veraltet, an manchen Stellen als zu schroff oder einfach nur als nicht mehr alltagstauglich. Trotzdem wünschen sich viele, dass "Gott redet" - wenn schon nicht durch die Bibel, dann zumindest durch eine Predigt, durch Andachtsbücher oder durch Lobpreislieder. Aber diese "Erfahrung aus zweiter Hand" kann das eigene geistliche Leben nicht dauerhaft ernähren.

Wer mehr wissen will, liest Fachbücher oder studiert Theologie. Auch wenn wissenschaftliche Forschung selbstverständlich wichtig ist, verleitet sie uns dazu, die Bibel noch analytischer zu lesen. Wir "bohren" uns dadurch zwar tiefer in die Texte hinein, bleiben jedoch mit unserer Wahrnehmung weiterhin an der Oberfläche. Die Bibel bleibt "ein Ding", dem wir von außen gegenüber stehen.

Ganz anders ist es bei Ankerzellen. Durch das hörende Lesen geht es nicht darum, dass wir den Text studieren, sondern dass der Text uns liest. Es ist so, als ob uns Christus im Text erwartet und begrüßt. Einzelne Formulierungen oder Aussagen leuchten auf, damit sie uns im Herzen berühren.

Wie redet Gott?
Dass Gott redet, ist biblisch klar. Aber wie?

  • Manche betonen bei der Bibelauslegung die Wörtlichkeit und bestehen auf Gottes direktiver Ansprache, der wir gehorchen sollen. Das ist an sich nicht falsch, führt aber häufig zu einer verbissenen Rechtgläubigkeit.
  • Andere dagegen setzen mehr auf das freie Reden des Geistes und strecken sich nach inneren Impulsen, Träumen oder Eingebungen aus. Auch das ist nicht falsch, erweist sich manchmal aber eher als psychisches Wunschphänomen anstatt als wahrhafter Impuls Gottes.
  • Noch andere setzen dagegen auf die geschichtliche Überlieferung und kirchliche Tradition, nach dem Motto: Gottes Reden geschieht durch die Kirche mit ihren von Gott berufenen Autoritäten. Auch das ist nicht falsch, kann aber dazu führen, dass "Kirche als Institution" unhinterfragbar und reformunfähig wird.

Ankerzellen spielen die drei Komponenten "Wort, Geist und Gemeinschaft"nicht gegeneinander aus, sondern kombinieren sie ganz elementar: Im Kontext des biblischen Kanons lässt der Geist Gottes Wahrheiten aufleuchten. Dieses geschieht inmitten einer kleinen, für jeden offenen Christus-Gemeinschaft. Im gemeinsamen Hören auf das Wort und auf die Äußerungen der anderen erweist sich der Auferstandene als in ihrer Mitte und berührt sie gegenseitig durch innere Resonanz.

Resonanz - Außen und Innen sind keine Gegensätze mehr
Je nach christlichem Milieu betonen die einen, dass Gottes Reden von außen an dich herantritt. Das ist häufig verbunden mit einer direktiven Sprache und einem autoritativen Auftreten. Andere halten dagegen, dass uns Gottes Reden ganz frei von innen berühren muss. Nur so können wir uns darauf einlassen und ihm vertrauen. Beides ist richtig.

Das Wort Gottes ist uns immer vorgegeben und voraus - sowohl als geschichtliches Ereignis als auch als zukünftige Erwartung. Insofern ist es extern. Gleichermaßen berührt es uns aber auch aus der Tiefe unserer inneren Unendlichkeit. Innen und außen befinden sich dann in einer geheimnisvolle Interferenz. Ist es wahrhaft Gottes "Stimme", so lässt sich nicht genau lokalisieren, ob sie eher von außen oder eher innen kommt.

Und darüber hinaus gilt: Wir sind mit unserem Leben nicht nur ein Echo des Evangeliums, welches einen vorgegebenen Ton zurückwirft, sondern unser ganzes Dasein beginnt mit der Christus-Wirklichkeit mitzuschwingen und wird selbst zu einem Klang. Das meint Resonanz des Geistes.

Ankerzellen sind dazu da, diese offene Bewusstseinshaltung und die damit verbundene Erfahrung zu ermöglichen und gemeinsam einzuüben.

Die "Mitte" frei lassen
Damit diese Resonanz aus dem Hin-Horchen entsteht, muss die "Mitte" frei bleiben. Allzu oft drängen sich andere Dinge ins Zentrum und wollen unsere Aufmerksamkeit erzwingen: aktuelle Sorgen, seelische Bedürfnisse, Bibel-Diskussionen, kritische Anfragen an den Text, Zweifel im Glauben, Selbstvorwürfe, Frustrationsgefühle und anderes mehr. All das kann das "Hören des Herzens" verdunkeln und den Blick auf Christus verstellen. Der Host einer Ankerzelle hat als Gastgeber und Prozessbegleiter die Aufgabe, den "spirituellen Raum" zu öffnen und zu verhindern, dass "menschliche Dynamiken" dominant werden. Sollte sich Allzu-Menschliches in den Vordergrund drängen, kann er/sie durch seine/ihre Moderation immer wieder zu einer "hörenden Haltung" zurückführen. Ein Ankertreffen ist gelungen, wenn jeder Teilnehmende etwas Wertvolles und Nahrhaftes im apostolischen Wort gefunden hat. Weil dabei jede*r auf ganz eigene Weise angesprochen wird, ergibt es überhaupt keinen Sinn, die unterschiedlichen Berührungen zu bewerten oder zu kommentieren.

"Gehorsam" neu entdecken
Bei dem Begriff "Gehorsam" haben wir es leider mit einer vergifteten Sprachgeschichte zu tun. Häufig wird dadurch der Zugang zur dahinter liegenden Wahrheit versperrt. Erhellend wird es jedoch, wenn wir zurück zum Ursprung gehen: Gehorsam kommt von "hören, horchen". Es geht um ein Auf-Horchen und Hin-Horchen. Es ist ein ausgerichtetes Hören. Und: Erst wenn ich ge-horcht habe, kann ich handeln. "Gehorsam zu sein" hat also überhaupt nichts mit "blinder oder von außen geforderter Folgsamkeit" zu tun. Vielmehr geht es darum, aus einem inneren Hin-Horchen heraus engagiert zu handeln. So ergibt der Begriff "Gehorsam" wieder Sinn.

Ankerzellen ermöglichen das gemeinsame Hin-Horchen, um dann im weiteren Verlauf des Tages aus einer Christus-Perspektive heraus handeln zu können.

Bilder für die innere Prozessdynamik
Das Bild vom "Wort Gottes als Kaleidoskop" habe ich oben schon erwähnt. Was wären deine Bilder um dieses Wundersame zu beschreiben? Folgende weitere Bilder verwende ich, um die innere Dynamik von Ankerzellen anschaulich zu machen.

  • Das Wort Gottes als Schatztruhe: Lass uns gemeinsam hineinsehen und entdecken, was Gott für dich bereithält.
  • Das Wort Gottes als Brunnen lebendigen Wassers: Lass uns eintauchen und aus der Quelle Gottes schöpfen.
  • Das Wort Gottes als 3D-Bild: Entkrampfe deinen Blick und sie durch die Oberfläche des Textes hindurch. Auf diese Weise treten einzelne Wahrheiten speziell für dich hervor.
  • Das Wort Gottes als gedeckter Tisch: Der unsichtbare Christus ist unser Gastgeber. Er verwandelt den Buchstaben-Text zu einem Brot-Text und ernährt damit unseren inneren Menschen.
  • Das Wort Gottes als einladende Landschaft: Verschiedene Bibeltexte sind wie Wegbegleiter in unsere biografischen Phasen.

Egal, welches Bild du verwendest: Es geht um die zutiefst erfüllende Erfahrung, dass du zusammen mit anderen direkt mit dem Geist des Auferstandenen in Kontakt kommst und bleibst, dass er dich sieht und segnet, und dich durch deinen Tag und deine Nacht begleitet. Du - und wir zusammen - sind der Tempel des Geistes, der Wohnraum Gottes in dieser Welt.